Broder liest Roche

Wie viel Geilheit braucht unsere Welt? Wie tief muss man in die individuellen Abgründe und Körpersäfte von Menschen noch eintauchen, um etwas Neues über das Leben zu lernen? Geht es nach dem großen zeitgenössischen Zyniker Henryk M. Broder können wir per se gar nicht anders, als immer tiefer und tiefer zu graben. Für ihn ist das wie im Sport. Es geht immer höher. Immer schneller. Immer weiter. Unaufhaltsam.

Haben wir uns dann weit genug herabgelassen, stoßen wir auf Erkenntnisschätze wie “Kaffe machen ist schwerer als blasen!” oder “Liebe und Verliebtheit ist nur der romantische philosophische Überbau, damit wir vor uns selber nicht zugeben müssen, dass wir einfach nur geil auf jemand sind…Das ist die Erklärung für den ganzen Wahnsinn, der passiert zwischen erwachsenen Menschen.”

Sehr viel Erkenntnisgewinn kann ich solchen Zeilen persönlich nicht abgewinnen. Und sie sind noch nicht einmal so originell geschrieben, dass man ein wenig Spaß an ihnen hätte. Da gab es Leute, die haben über das gleiche Thema bereits vor vielen, vielen Jahren deutlich unterhaltsamer geschrieben. Und deutlich provokanter. Denn in ihren Zeiten hatten sie mit ihrem Schaffen tatsächlich noch etwas zu verlieren. Haben etwas für ihre Überzeugungen riskiert.

Roche tritt auf in einer Zeit, in der wir tagtäglich das erbärmliche Schicksal dutzender Menschen – medial stimmig im Stammtischformat aufbereitet – in den Daily-Doku-Soaps Kölner Hinterhofsender zum Fraß angeboten bekommen. Aber eben mit dem Unterschied (und da hat der gute Herr Broder dann vollkommen recht), dass diese Protagonisten nicht auf der Longlist potenzieller deutscher Fernseh- und Literaturpreisempfänger erscheinen. Ebenso wenig wie die darstellenden “KünstlerInnen” auf youporn.com übrigens. Frau Roche empfängt dagegen nicht nur multiple Orgasmen, sondern – neben den Tantiemen einer Bestseller-Autorin – jetzt neuerdings auch noch die gesalbten Weihen des Feuilleton-Establishments. Da kommt echter Neid auf. Und Verzweiflung.

Broder liest Roche. Aber warum er das tut, kann er eigentlich nicht so richtig sagen. Nicht überzeugend jedenfalls. Nur grad so wie ein alter Furz, der sich in der feuchten Vagina einer Mittdreißigerin verirrt hat.

Deshalb wird es dabei bleiben, dass der Koyro die Roche nicht liest. Und damit vermutlich auch nicht wirklich viel verpasst.

Beitrag zu: Die PornografInnen. Henryk M. Broder. Welt am Sonntag, 14. August 2011, Seite 41

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